Benjamin Graham

Benjamin Graham hat aus der Aktienauswahl ein Handwerk mit Regeln gemacht. Als Investor an der Wall Street, Dozent an der Columbia University und Autor zweier Standardwerke legte er die Grundlagen dessen, was heute als wertorientiertes Investieren bezeichnet wird. Begriffe wie die Sicherheitsmarge oder die Figur des Mr. Market stammen von ihm. Über seinen Schüler Warren Buffett wirkt sein Denken bis in die Gegenwart.
Werdegang
Graham kam 1894 in London als Benjamin Grossbaum zur Welt. Im Alter von einem Jahr zog die Familie nach New York, wo sie den Namen später in Graham änderte. Nach dem frühen Tod des Vaters und der Börsenpanik von 1907 geriet die Familie in wirtschaftliche Not. Graham erhielt ein Stipendium der Columbia University und schloss sein Studium 1914 als Zweitbester seines Jahrgangs ab. Die Universität bot ihm Lehraufträge in Mathematik, Englisch und Philosophie an, er entschied sich jedoch für die Wall Street.
Seine Laufbahn begann er beim Brokerhaus Newburger, Henderson & Loeb, wo er 1920 Teilhaber wurde. Daneben schrieb er für das Magazine of Wall Street. Mitte der 1920er-Jahre machte er sich selbstständig und arbeitete ab 1926 mit Jerome Newman zusammen. Ab 1936 firmierte die gemeinsame Gesellschaft als Graham-Newman. Der Börsenkrach von 1929 und die folgende Depression trafen auch Grahams Fonds schwer, er verlor einen großen Teil seines Vermögens, bevor sich die Gesellschaft wieder erholte. Die Erfahrung prägte seine späteren Regeln zur Vorsicht.
Parallel lehrte Graham über Jahrzehnte an der Columbia Business School, zu seinen Studenten gehörte Anfang der 1950er-Jahre Warren Buffett. Von 1954 bis 1956 arbeitete Buffett als Analyst bei Graham-Newman. 1956 zog sich Graham aus dem aktiven Anlagegeschäft zurück und schloss die Gesellschaft. Später unterrichtete er an der University of California in Los Angeles. Graham starb am 21. September 1976 im Alter von 82 Jahren in Frankreich.
Rolle und Wirken
Graham vertrat die Ansicht, dass eine Aktie kein Spielschein ist, sondern ein Anteil an einem Unternehmen mit Vermögen, Schulden und Ertragskraft. Diesen inneren Wert sollten Anleger anhand von Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen nüchtern bestimmen und mit dem Börsenkurs vergleichen. Gekauft werden sollte nur, wenn der Preis deutlich darunter liegt. Diesen Abstand nannte er Sicherheitsmarge. Er sollte Fehler in der eigenen Rechnung und unvorhersehbare Entwicklungen auffangen.
Graham beließ es nicht beim Rechnen, sondern trat auch als fordernder Aktionär auf. Bei der Northern Pipeline Company fiel ihm auf, dass die Aktie deutlich unter dem Wert der Anleihen und anderen liquiden Mittel notierte, die das Unternehmen hielt. Er verlangte, die überschüssigen Mittel an die Eigentümer auszuschütten. Als das Management ablehnte, sammelte er mit Unterstützung weiterer Aktionäre über ein Drittel der Stimmen und setzte auf der Hauptversammlung im Januar 1928 einen Sitz im Verwaltungsrat durch. Das Unternehmen schüttete daraufhin 70 US-Dollar je Aktie aus.
Das bekannteste Einzelgeschäft war GEICO. 1948 erwarb Graham-Newman die Hälfte des Autoversicherers für 712.500 US-Dollar. Die Aktien wurden später an die Anleger des Fonds verteilt. Wer 1948 100 Anteile an Graham-Newman im Wert von 11.413 US-Dollar hielt und die ausgeschütteten GEICO-Aktien behielt, besaß 1972 rechnerisch rund 1,66 Mio. US-Dollar. GEICO gehört heute vollständig zu Berkshire Hathaway.
Bücher und Lehre
1934 erschien Security Analysis, das Graham gemeinsam mit seinem Columbia-Kollegen David Dodd verfasste. Das umfangreiche Lehrbuch entstand unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und systematisierte die Analyse von Anleihen, Vorzugsaktien und Stammaktien. Es wurde zur Grundlage des Berufs des Finanzanalysten. Graham gehörte zudem zu den treibenden Kräften hinter der Anerkennung dieses Berufsstands, aus der später die Qualifikation zum Chartered Financial Analyst hervorging.
Für ein breiteres Publikum schrieb er The Intelligent Investor, erstmals 1949 erschienen. Darin unterscheidet er zwischen dem defensiven Anleger, der vor allem Verluste und Aufwand vermeiden will, und dem unternehmungslustigen Anleger, der mehr Zeit in die Auswahl einzelner Werte steckt. Graham überarbeitete das Buch mehrfach, zuletzt 1971 und 1972. Die vierte Ausgabe erschien 1973 mit Vorwort und Anhängen von Warren Buffett, der das Werk als das mit Abstand beste Buch über das Investieren bezeichnete. 2003 ergänzte der Journalist Jason Zweig eine kommentierte Neuausgabe.
Am bekanntesten ist das Bild des Mr. Market. Graham beschreibt den Markt als launischen Geschäftspartner, der jeden Tag einen Preis nennt, zu dem er Anteile kaufen oder verkaufen würde. Mal ist er übertrieben zuversichtlich, mal niedergeschlagen. Der Anleger muss auf diese Angebote nicht eingehen, kann sie aber nutzen, wenn sie weit vom inneren Wert abweichen. Der Kurs ist damit Gelegenheit, nicht Maßstab. Wie sich innerer Wert und Börsenkurs mit Kennzahlen vergleichen lassen, erläutert unser Ratgeber zum Bewerten von Aktien.
Schüler und Nachwirkung
Aus Grahams Seminaren und aus Graham-Newman gingen mehrere Investoren hervor, die seine Ideen in eigenen Gesellschaften fortführten, darunter Walter Schloss, Irving Kahn, William Ruane und vor allem Warren Buffett. Buffett blieb Grahams Grundsätzen verpflichtet, entwickelte sie unter dem Einfluss von Charlie Munger aber weiter. In seinem Aktionärsbrief für 2023 schilderte Buffett, Munger habe ihn dazu gebracht, vom Ansatz seines Vorbilds Graham abzurücken und statt mittelmäßiger Unternehmen zu sehr niedrigen Preisen lieber hervorragende Unternehmen zu angemessenen Preisen zu kaufen. Grahams Methode funktioniere nach Mungers Einschätzung nur bei kleinen Summen.
Bemerkenswert ist, dass Graham auch den Gedanken an Indexfonds vorwegnahm. Er sprach sich für eine breite Abbildung des Marktes aus, Jahrzehnte bevor es solche Fonds gab. Diesen Weg ging später John C. Bogle mit dem ersten Indexfonds für Privatanleger.
Einordnung
Graham hat keine große Fondsgesellschaft hinterlassen, wohl aber eine Denkschule. Die Idee, Aktien über den inneren Wert eines Unternehmens zu bewerten und Abstand zum Kurs zu verlangen, gehört heute zum Grundbestand der Finanzanalyse und wird an Hochschulen weltweit gelehrt. Viele Vermögensverwalter berufen sich ausdrücklich auf ihn, auch in Deutschland. Für Anleger sind seine Bücher weniger wegen einzelner Kennzahlen lesenswert, die er selbst immer wieder angepasst hat, als wegen der Haltung, Preis und Wert strikt zu trennen und die eigene Urteilskraft nicht der Stimmung an der Börse zu überlassen.
Häufige Fragen zu Benjamin Graham
Wer war Benjamin Graham?
Benjamin Graham war ein 1894 in London geborener amerikanischer Investor und Hochschullehrer. Er gilt als Begründer der wertorientierten Aktienanalyse und starb 1976.
Welche Bücher hat Benjamin Graham geschrieben?
Seine Hauptwerke sind Security Analysis von 1934, gemeinsam mit David Dodd verfasst, und The Intelligent Investor, das 1949 erstmals erschien und mehrfach überarbeitet wurde.
Was bedeutet Sicherheitsmarge?
Gemeint ist der Abstand zwischen dem inneren Wert eines Unternehmens und dem Börsenkurs. Graham wollte nur kaufen, wenn dieser Abstand groß genug ist, um Fehleinschätzungen aufzufangen.
Wer ist Mr. Market?
Mr. Market ist eine Figur aus The Intelligent Investor. Sie steht für einen launischen Marktteilnehmer, der täglich Preise nennt, die der Anleger annehmen oder ignorieren kann.
Welche Verbindung gab es zwischen Graham und Warren Buffett?
Buffett studierte bei Graham an der Columbia University und arbeitete von 1954 bis 1956 bei dessen Gesellschaft Graham-Newman. Grahams Ideen bildeten die Grundlage seines Anlagestils.
Was war Grahams erfolgreichste Anlage?
Als besonders ertragreich gilt der Kauf der Hälfte des Versicherers GEICO durch Graham-Newman im Jahr 1948 für 712.500 US-Dollar. Die Aktien wurden an die Anleger des Fonds verteilt und stiegen in den folgenden Jahrzehnten stark im Wert.
Quellen
- https://en.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Graham
- https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Graham
- https://ebsco.com/research-starters/business-and-management/benjamin-graham-investor
- https://en.wikipedia.org/wiki/The_Intelligent_Investor
- https://www.berkshirehathaway.com/letters/2023ltr.pdf
- https://www.morningstar.in/posts/30133/how-to-be-an-intelligent-investor.aspx
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