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Köpfe der Finanzwelt · Wächter

Joachim Nagel

Joachim Nagel ist seit dem 1. Januar 2022 Präsident der Deutschen Bundesbank. Als Chef der Notenbank der größten Volkswirtschaft im Euroraum sitzt er im Rat der Europäischen Zentralbank und entscheidet dort über die Leitzinsen mit. Der Volkswirt, Jahrgang 1966, kennt die Bundesbank aus fast zwei Jahrzehnten eigener Tätigkeit, war zwischenzeitlich aber auch bei der Förderbank KfW und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich tätig. Im Jahr 2026 wird er in Medienberichten als möglicher deutscher Kandidat für die EZB-Präsidentschaft genannt.

Werdegang

Nagel stammt aus Karlsruhe und studierte an der dortigen Universität, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie, Volkswirtschaftslehre. Den Abschluss erwarb er 1991, die Promotion zum Dr. rer. pol. folgte 1997 an derselben Hochschule. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Geld und Währung. 1994 war er einige Monate als Referent für Wirtschafts- und Finanzpolitik beim Parteivorstand der SPD in Bonn tätig.

1999 trat Nagel in die Bundesbank ein, zunächst als Leiter des Präsidialbüros der Landeszentralbank in Hannover. 2003 wechselte er in die Frankfurter Zentrale, 2008 übernahm er dort die Leitung des Zentralbereichs Märkte. Im Dezember 2010 wurde er als Nachfolger von Thilo Sarrazin in den Vorstand berufen, dem er bis Ende April 2016 angehörte. Der Bereich Märkte setzt die geldpolitischen Beschlüsse operativ um, also etwa Refinanzierungsgeschäfte mit den Banken und Wertpapierkäufe. Damit war Nagel in den Jahren der Finanz- und Staatsschuldenkrise für das Marktgeschäft der Notenbank mitverantwortlich.

Im November 2016 ging Nagel als Generalbevollmächtigter zur KfW, von 2017 bis 2020 gehörte er dem Vorstand der Förderbank an und verantwortete das internationale Geschäft. In dieser Zeit leitete er den Aufsichtsrat der Tochter KfW IPEX-Bank und war von 2018 bis 2020 Mitglied im Aufsichtsrat der Deutsche Börse AG. Zum 1. November 2020 wechselte er zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nach Basel, wo er stellvertretender Leiter der Bankabteilung wurde.

Am 20. Dezember 2021 schlugen Bundeskanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner ihn als Nachfolger von Jens Weidmann vor, der sein Amt aus persönlichen Gründen zum Jahresende abgab. Weidmann hatte im EZB-Rat häufig gegen die Mehrheit gestimmt, etwa bei Teilen des Pandemie-Kaufprogramms PEPP, und früh vor Inflationsrisiken gewarnt. Lindner verband die Personalie mit der Erwartung geldpolitischer Kontinuität. Nagel trat die Präsidentschaft zum 1. Januar 2022 an, die Ernennung durch den Bundespräsidenten folgte im Januar.

Rolle und Wirken

Nagels Amtszeit fiel von Beginn an in eine Phase hoher Inflation. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt begann der EZB-Rat mit Zinserhöhungen. Ab Juli 2022 stieg der Einlagensatz in zehn Schritten von minus 0,5 auf 4,0 Prozent im September 2023. Ab Juni 2024 folgten acht Senkungen auf 2,0 Prozent. Im Juni und September 2026 erhöhte der Rat den Satz wegen steigender Energiepreise wieder, zuletzt auf 2,50 Prozent. Als Mitglied des Gremiums ist Nagel an diesen Beschlüssen beteiligt.

Die Zinswende hat eine unmittelbare Folge für die Bilanz der Bundesbank. Sie muss den Banken auf deren Einlagen höhere Zinsen zahlen, während die in den Kaufprogrammen erworbenen langlaufenden Anleihen nur niedrige Erträge abwerfen. Für 2024 wies die Bundesbank deshalb einen Rekordverlust von mehr als 19 Mrd. Euro aus. 2025 fiel der Jahresfehlbetrag mit rund 8,6 Mrd. Euro um mehr als die Hälfte geringer aus, war aber der zweithöchste in der Geschichte der Notenbank. Der aufgelaufene Bilanzverlust einschließlich Verlustvortrag lag bei 27,8 Mrd. Euro. Nagel bezeichnete die Belastungen bei der Vorlage im März 2026 als vorübergehend und verwies auf eine solide Bilanz. Für 2026 erwartet er erneut einen Fehlbetrag. Künftige Überschüsse sollen zunächst den Verlustvortrag abbauen und Risikovorsorge aufbauen. An den Bundeshaushalt konnte die Bundesbank zum sechsten Mal in Folge keinen Gewinn abführen, die letzte Überweisung betraf das Geschäftsjahr 2019 mit 5,85 Mrd. Euro. Das Bundesfinanzministerium hatte lange mit jährlich rund 2,5 Mrd. Euro aus dem Bundesbankgewinn geplant, Nagel hält solche Ausschüttungen auf längere Sicht nicht für realistisch.

Neben der Geldpolitik verantwortet die Bundesbank unter Nagel die Bargeldversorgung, den Zahlungsverkehr und gemeinsam mit der BaFin die laufende Aufsicht über die Kreditinstitute in Deutschland. Nagel gehört zudem dem Verwaltungsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich an.

Kandidat für die EZB-Spitze

Mit den Spekulationen über einen vorzeitigen Abschied von EZB-Präsidentin Christine Lagarde rückte Nagel 2026 in den Kreis möglicher Nachfolger. Im Februar 2026 berichtete das ZDF, dass er sich offen für Eurobonds gezeigt habe, was Beobachter als Signal seines Interesses deuteten. In einer Bloomberg-Umfrage unter EZB-Beobachtern lag er damals auf Rang drei. Im August 2026 meldete Bloomberg, die Bundesregierung erwäge eine Nominierung. Finanzminister Lars Klingbeil unterstütze sie demnach, Bundeskanzler Friedrich Merz habe sich noch nicht festgelegt, Nagel selbst habe Offenheit signalisiert. Gegen einen deutschen Präsidenten spricht in der europäischen Ämterverteilung, dass mit Ursula von der Leyen an der Spitze der EU-Kommission und Claudia Buch als Vorsitzender der EZB-Bankenaufsicht bereits zwei Deutsche Spitzenposten besetzen. Die Börsen-Zeitung räumte Nagel im Herbst 2026 nur Außenseiterchancen ein, als Favoriten gelten der Niederländer Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos. Ein Deutscher hat die EZB seit ihrer Gründung 1998 noch nie geführt. Nach Einschätzung von Kommentatoren dürften die vier größten Euroländer die Besetzung untereinander aushandeln, wobei Frankreich und Italien den Posten bereits innehatten. Eine offizielle Kandidatur Nagels war bis Oktober 2026 nicht bekannt.

Einordnung

Nagel verkörpert einen Notenbanker, der Markt, Förderbankgeschäft und internationale Zusammenarbeit von innen kennt. Für den Kapitalmarkt ist er vor allem als Stimme im EZB-Rat relevant, dessen Entscheidungen Anleihe- und Aktienkurse bewegen. Die Verluste der Bundesbank berühren Anleger nicht direkt, sie zeigen aber, wie stark die Zinswende auch die Notenbanken selbst belastet. Ob Nagel nach Frankfurt in die EZB-Zentrale wechselt oder bei der Bundesbank bleibt, dürfte sich mit der Nachfolgeregelung für Lagarde entscheiden. Grundlagen zur Funktionsweise des Handels bietet der Ratgeber Börsenhandel erklärt.

Häufige Fragen zu Joachim Nagel

Wer ist Joachim Nagel?

Joachim Nagel ist ein deutscher Volkswirt, Jahrgang 1966, und seit dem 1. Januar 2022 Präsident der Deutschen Bundesbank. In dieser Funktion ist er Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank.

Wo hat Joachim Nagel vor der Bundesbank-Präsidentschaft gearbeitet?

Er war von 1999 bis 2016 bei der Bundesbank, ab Dezember 2010 als Vorstandsmitglied. Danach wechselte er zur KfW, deren Vorstand er von 2017 bis 2020 angehörte, und Ende 2020 zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Wessen Nachfolger ist Joachim Nagel?

Er folgte auf Jens Weidmann, der die Bundesbank Ende 2021 vorzeitig verlassen hatte. Nagels Nominierung wurde am 20. Dezember 2021 bekannt.

Warum macht die Bundesbank Verluste?

Seit den Zinserhöhungen ab 2022 zahlt sie den Banken höhere Zinsen auf Einlagen, während ihre Anleihebestände aus den Kaufprogrammen niedrig verzinst sind. 2024 lag der Verlust bei mehr als 19 Mrd. Euro, 2025 bei rund 8,6 Mrd. Euro.

Wird Joachim Nagel EZB-Präsident?

Nach einem Bloomberg-Bericht vom August 2026 erwägt die Bundesregierung, ihn zu nominieren. Eine offizielle Kandidatur war bis Oktober 2026 nicht bekannt, die Börsen-Zeitung sieht ihn als Außenseiter.

Welche Verbindung hat Joachim Nagel zur Deutschen Börse?

Während seiner Zeit im Vorstand der KfW gehörte er von 2018 bis 2020 dem Aufsichtsrat der Deutsche Börse AG an.

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Nagel
  2. https://www.bundesbank.de/de/bundesbank/organisation/vorstand/joachim-nagel-607878
  3. https://www.bundesbank.de/de/presse/pressemitteilungen/bundesbank-jahresfehlbetrag-mehr-als-halbiert-bilanz-ist-solide-990754
  4. https://www.cash.ch/news/bundesbank-macht-2025-verlust-von-86-milliarden-euro-915304
  5. https://www.zdfheute.de/wirtschaft/europaeische-zentralbank-ezb-chefin-christine-lagarde-100.html
  6. https://www.teleborsa.it/News/2026/08/06/bce-il-governo-tedesco-valuta-la-possibile-candidatura-di-joachim-nagel-alla-presidenza-119.html
  7. https://www.boersen-zeitung.de/personen/eurogruppe-bei-ezb-nachbesetzung-unter-zugzwang
  8. https://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/neuer-chef-und-alter-bekannter-ex-vorstand-nagel-soll-bundesbank-fuehren-20308287.html
  9. https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/key_ecb_interest_rates/html/index.en.html

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