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Köpfe der Finanzwelt · Wächter

Christine Lagarde

Christine Lagarde ist seit dem 1. November 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank und damit die erste Frau an der Spitze der Notenbank des Euroraums. Die französische Juristin, Jahrgang 1956, führte zuvor acht Jahre lang den Internationalen Währungsfonds und war von 2007 bis 2011 Wirtschafts- und Finanzministerin ihres Landes. Mit den Zinsentscheidungen des EZB-Rats, dem sie vorsitzt, setzt sie den Rahmen für Anleihekurse, Bankmargen, Sparzinsen und Aktienbewertungen im gesamten Euroraum. Ihre reguläre Amtszeit endet am 31. Oktober 2027.

Werdegang

Lagarde studierte an der Universität Paris X-Nanterre, wo sie Abschlüsse in Englisch, Rechtswissenschaft und Arbeitsrecht erwarb. Am Institut d'études politiques in Aix-en-Provence schloss sie ein Aufbaustudium im Sozialrecht ab. Auf die Aufnahmeprüfung der Verwaltungshochschule ENA bereitete sie sich an der Sciences Po in Paris vor, bestand sie aber nicht.

Ihre berufliche Laufbahn begann 1981 im Pariser Büro der internationalen Anwaltskanzlei Baker & McKenzie. Dort stieg sie bis an die Spitze auf: Von 1999 bis 2004 leitete sie das Management Committee der Kanzlei, danach ab 2004 das Global Strategy Committee in Chicago. Im Juni 2005 wechselte sie in die französische Politik, zunächst als beigeordnete Ministerin für Außenhandel. Nach einem kurzen Intermezzo als Landwirtschaftsministerin im Mai und Juni 2007 übernahm sie am 19. Juni 2007 das Ministerium für Wirtschaft, Finanzen und Industrie. In ihre Amtszeit fielen die globale Finanzkrise und der Beginn der Schuldenkrise im Euroraum. Die Financial Times kürte sie 2009 zur besten Finanzministerin der Eurozone.

Am 5. Juli 2011 trat Lagarde als Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn die Leitung des Internationalen Währungsfonds in Washington an, auch dort als erste Frau. 2016 wurde sie für eine zweite fünfjährige Amtszeit bestätigt. Am 12. September 2019 schied sie aus, um im November die Nachfolge von Mario Draghi bei der EZB anzutreten.

Rolle und Wirken

Beim IWF war Lagarde mit der Griechenland-Krise befasst. Sie hielt die griechische Schuldenlast anfangs für tragfähig, sprach sich ab 2013 aber für Schuldenerleichterungen aus. 2016 machte der Fonds eine weitere Beteiligung an Hilfsprogrammen von solchen Erleichterungen abhängig. 2018 bewilligte der IWF Argentinien einen Kredit, der im selben Jahr auf rund 57 Mrd. US-Dollar aufgestockt wurde und später in die Kritik geriet, weil er die Schuldenprobleme des Landes nicht löste.

An der Spitze der EZB musste Lagarde wenige Monate nach Amtsantritt auf die Pandemie reagieren. Im März 2020 legte die Notenbank das Pandemie-Notfallkaufprogramm PEPP mit zunächst 750 Mrd. Euro auf, das bis Dezember 2020 in zwei Schritten auf 1,85 Billionen Euro aufgestockt wurde. Die Nettokäufe endeten im März 2022, Wiederanlagen fälliger Papiere liefen Ende 2024 aus. Parallel stieß Lagarde die erste umfassende Überprüfung der geldpolitischen Strategie seit 17 Jahren an, die auch einen Aktionsplan zum Klimaschutz umfasste.

Als die Inflation nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stark anstieg, leitete die EZB eine Zinswende ein. Mit Wirkung zum 27. Juli 2022 hob sie den Einlagensatz von minus 0,5 auf 0 Prozent an. Neun weitere Schritte folgten, bis der Satz im September 2023 bei 4,0 Prozent lag. Ab Juni 2024 senkte der EZB-Rat die Zinsen wieder, der Einlagensatz erreichte im Juni 2025 nach acht Senkungen 2,0 Prozent.

Im Jahr 2026 drehte die Notenbank erneut. Steigende Energiepreise, die Beobachter mit dem Krieg im Iran in Verbindung bringen, trieben die Inflation. Im Juni 2026 erhöhte die EZB den Einlagensatz erstmals seit September 2023, und zwar auf 2,25 Prozent. Nach einer Pause im Juli folgte am 10. September 2026 ein weiterer Schritt auf 2,50 Prozent. Lagarde hatte im Juli erklärt, die Aufwärtsrisiken für die Teuerung hätten zugenommen, Zweitrundeneffekte seien aber noch nicht zu erkennen.

Verfahren und Kontroversen

Aus ihrer Zeit als Finanzministerin stammt das einzige Strafverfahren gegen Lagarde. Es betraf ein Schiedsverfahren aus dem Jahr 2008, in dem dem Unternehmer Bernard Tapie im Streit mit dem französischen Staat rund 403 Mio. Euro zugesprochen worden waren. Der für Regierungsmitglieder zuständige Gerichtshof der Republik sprach Lagarde am 19. Dezember 2016 der Fahrlässigkeit schuldig, weil sie den Schiedsspruch nicht angefochten hatte. Eine Strafe verhängte das Gericht nicht, der Schuldspruch wurde auch nicht in ihr Strafregister eingetragen. Lagarde erklärte, sie sei mit dem Urteil nicht zufrieden, werde aber keine Rechtsmittel einlegen. Das Exekutivdirektorium des IWF sprach ihr unmittelbar danach sein volles Vertrauen aus.

Debatte um einen vorzeitigen Abschied

Seit 2025 wird über ein vorzeitiges Ende ihrer EZB-Amtszeit spekuliert. Im Mai 2025 sagte der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab der Financial Times, er habe mit Lagarde über einen Wechsel an die Spitze des Forums gesprochen. Die EZB erklärte damals, Lagarde sei entschlossen, ihre Amtszeit zu beenden. Im Februar 2026 berichtete die Financial Times unter Berufung auf eine ungenannte Quelle, Lagarde wolle vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 abtreten. Die EZB dementierte das nicht ausdrücklich, Lagarde sagte, sie gehe davon aus, ihre Arbeit bis zum Ende der Amtszeit fortzusetzen.

Im August 2026 meldete die Neue Zürcher Zeitung, Lagarde sei bereit, ab 2027 die Leitung des Weltwirtschaftsforums zu übernehmen. Bestätigt haben EZB und Forum dies nicht, es handelt sich um einen Medienbericht. Ende September 2026 berichtete die Börsen-Zeitung, Lagarde schließe in einem Interview mit La Croix einen Rückzug einige Monate vor Ablauf ihrer Amtszeit nicht aus. Eine eigene Kandidatur für das französische Präsidentenamt nannte sie in demselben Gespräch keine gute Idee. Die Eurogruppe muss zugleich die Nachfolge von Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel und Chefvolkswirt Philip Lane vorbereiten. Als Favoriten für die Präsidentschaft nennt die Zeitung Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos, Bundesbank-Präsident Joachim Nagel werden Außenseiterchancen eingeräumt.

Einordnung

Lagarde ist keine ausgebildete Ökonomin, sondern Juristin und Politikerin, die vor der EZB vor allem politische und diplomatische Ämter innehatte. Im EZB-Rat leitet sie ein Gremium aus sechs Direktoriumsmitgliedern und den Präsidenten der nationalen Notenbanken. Für Anleger ist entscheidend, dass ihre Amtszeit drei sehr unterschiedliche Phasen umfasst: Krisenkäufe in der Pandemie, eine Anhebung des Einlagensatzes um 4,5 Prozentpunkte binnen 14 Monaten und seit Juni 2026 eine neue Runde von Zinserhöhungen. Wer die Wirkung solcher Entscheidungen auf Kurse einordnen will, findet Grundlagen im Ratgeber Aktien bewerten. Offen ist, wann genau ihre Nachfolge geregelt wird und ob sie das Amt bis Oktober 2027 ausübt.

Häufige Fragen zu Christine Lagarde

Wer ist Christine Lagarde?

Christine Lagarde ist eine französische Juristin und Politikerin, Jahrgang 1956. Seit dem 1. November 2019 ist sie Präsidentin der Europäischen Zentralbank, zuvor leitete sie von 2011 bis 2019 den Internationalen Währungsfonds.

Wie lange ist Christine Lagarde noch EZB-Präsidentin?

Ihre achtjährige Amtszeit endet regulär am 31. Oktober 2027. Medien berichten seit 2025 über einen möglichen vorzeitigen Abschied, eine offizielle Entscheidung darüber war bis Oktober 2026 nicht bekannt.

Wechselt Christine Lagarde zum Weltwirtschaftsforum?

Die Neue Zürcher Zeitung berichtete im August 2026, Lagarde sei bereit, ab 2027 das Weltwirtschaftsforum zu leiten. EZB und Forum haben das nicht bestätigt, es handelt sich um einen Medienbericht.

Welche Ämter hatte Christine Lagarde vor der EZB?

Sie war Anwältin und Chefin der Kanzlei Baker & McKenzie, danach französische Ministerin für Außenhandel, kurz für Landwirtschaft und von 2007 bis 2011 für Wirtschaft und Finanzen. Von Juli 2011 bis September 2019 führte sie den IWF.

Wurde Christine Lagarde verurteilt?

Der französische Gerichtshof der Republik sprach sie im Dezember 2016 im Zusammenhang mit dem Tapie-Schiedsverfahren der Fahrlässigkeit schuldig. Eine Strafe wurde nicht verhängt und der Schuldspruch nicht ins Strafregister eingetragen, Lagarde verzichtete auf Rechtsmittel.

Wie hat sich der Leitzins unter Christine Lagarde entwickelt?

Der Einlagensatz stieg von minus 0,5 Prozent im Juli 2022 auf 4,0 Prozent im September 2023 und sank bis Juni 2025 auf 2,0 Prozent. Im Juni und September 2026 erhöhte die EZB ihn wieder, zuletzt auf 2,50 Prozent.

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Lagarde
  2. https://en.wikipedia.org/wiki/Christine_Lagarde
  3. https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/key_ecb_interest_rates/html/index.en.html
  4. https://www.ecb.europa.eu/mopo/implement/pepp/html/index.en.html
  5. https://www.occrp.org/en/daily/5904-imf-chief-lagarde-keeps-job-despite-conviction
  6. https://www.boersen-zeitung.de/personen/lagarde-ezb-dementiert-geruechte-um-einen-vorzeitigen-wechsel
  7. https://www.derstandard.at/story/3000000309020/lagarde-wird-ezb-laut-medienbericht-wohl-vorzeitig-verlassen
  8. https://www.cash.ch/news/top-news/ezb-chefin-lagarde-weiter-vage-zu-bericht-uber-vorzeitigen-ruckzug-910903
  9. https://de.euronews.com/2026/08/23/bericht-ezb-chefin-lagarde-bereit-zu-dienen-beim-wef
  10. https://www.boersen-zeitung.de/personen/eurogruppe-bei-ezb-nachbesetzung-unter-zugzwang
  11. https://www.boersen-zeitung.de/personen/lagarde-wenn-vorzeitiger-ruecktritt-dann-hoechstens-um-wenige-monate
  12. https://www.businessday.co.za/world/europe/2026-02-18-ecb-president-lagarde-plans-to-quit-before-macrons-term-ends-ft-reports
  13. https://www.boersen-zeitung.de/konjunktur-politik/ezb-nimmt-zinserhoehung-im-september-in-den-blick
  14. https://www.vr.de/privatkunden/aktuelles/news/ezb-leitzinserhoehung.html
  15. https://www.lbbw.de/artikel/news-und-einschaetzungen/ezb-zinsentscheid-september-2026_ane1zmv1ua_d.html

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