Euronext im Porträt
Euronext betreibt die Wertpapierbörsen in Amsterdam, Brüssel, Dublin, Lissabon, Mailand, Oslo, Paris und seit Ende 2025 auch in Athen. Zur Gruppe gehören außerdem eine eigene Clearingstelle, mehrere Zentralverwahrer und die Handelsplattform MTS für europäische Staatsanleihen.
Das Unternehmen im Überblick
Am 22. September 2000 legten die Börsen von Amsterdam, Brüssel und Paris ihre Geschäfte zusammen, ein Jahr später kam die neue Gesellschaft selbst an die Börse. Ihren satzungsmäßigen Sitz hat die Euronext N.V. in Amsterdam am Beursplein 5, geführt wird der Konzern operativ von Paris aus. Die Aktie ist an der Euronext gelistet, das Grundkapital von gut 162,8 Mio. Euro verteilt sich auf rund 101,7 Millionen Aktien.
Den Kern des Aktionariats bildet eine Gruppe sogenannter Referenzaktionäre, die sich aus staatsnahen Investoren und Banken der Börsenländer zusammensetzt. Nach den Angaben der Gesellschaft zum 30. September 2026 halten die französische Caisse des Dépôts et Consignations und die italienische CDP Equity je 8,23 Prozent. Hinzu kommen die belgische Staatsbeteiligungsgesellschaft SFPI mit 5,44 Prozent, Intesa Sanpaolo mit 1,58 Prozent und ABN AMRO mit 0,53 Prozent. Zusammen sind das 24,02 Prozent, rund drei Viertel der Aktien befinden sich im Streubesitz.
An der Spitze des Vorstands steht seit November 2015 Stéphane Boujnah. Die Hauptversammlung verlängerte sein Mandat im Mai 2023 um vier Jahre. Den Aufsichtsrat führt Piero Novelli, der 2021 auf Vorschlag der italienischen CDP in das Amt kam und nach einem Bericht von Milano Finanza 2025 bis 2029 bestätigt wurde. Laut Wikipedia beschäftigte die Gruppe 2024 rund 2.455 Menschen.
Geschäftsmodell und Schwerpunkte
Euronext verdient an fast jeder Stufe des Wertpapiergeschäfts. Mehr als die Hälfte der Erlöse stammt aus Bereichen, die nicht unmittelbar vom Handelsvolumen abhängen, nämlich aus Notierungsgebühren, Marktdaten, Indizes, Software für börsennotierte Unternehmen sowie Verwahrung und Abwicklung. Im Geschäftsjahr 2025 lag dieser Anteil laut Jahresmitteilung bei 59 Prozent der bereinigten Erlöse.
Die Gesamterlöse stiegen 2025 um 12,1 Prozent auf bereinigt 1,82 Mrd. Euro. Das bereinigte EBITDA erreichte 1,14 Mrd. Euro, was einer Marge von 62,7 Prozent entspricht. Den Aktionären zurechenbar war ein berichteter Überschuss von 642,9 Mio. Euro. Die Hauptversammlung im Mai 2026 sollte über eine Dividende von insgesamt 321,5 Mio. Euro abstimmen, die Hälfte des berichteten Gewinns. Zusätzlich legte das Unternehmen im November 2025 ein Aktienrückkaufprogramm über 250 Mio. Euro auf, das Ende Januar 2026 abgeschlossen war.
Nach Geschäftsfeldern betrachtet entfielen 2025 rund 410 Mio. Euro auf die Aktienmärkte, 342,8 Mio. Euro auf Anleihen, Rohstoffe und Devisen, 330,7 Mio. Euro auf die Wertpapierdienste und 669,3 Mio. Euro auf das Segment für Kapitalmarktdienste und Datenlösungen. Der Kassahandel mit Aktien brachte allein 359,3 Mio. Euro ein, das Geschäft mit Aktienderivaten ging dagegen um 13,4 Prozent zurück. Bei den Zentralverwahrern der Gruppe lagen Ende 2025 Wertpapiere im Wert von 7,6 Billionen Euro.
Im zweiten Quartal 2026 setzte sich das Wachstum fort. Die bereinigten Erlöse stiegen gegenüber dem Vorjahresquartal um 16,9 Prozent auf 544,4 Mio. Euro, das bereinigte EBITDA um 21,1 Prozent auf 360 Mio. Euro. Der berichtete Überschuss erreichte 218,8 Mio. Euro. Der durchschnittliche Tagesumsatz im Aktienhandel kletterte um 22,7 Prozent auf knapp 16,7 Mrd. Euro, an den Märkten der Gruppe kamen 23 neue Aktiennotierungen hinzu. Unter den Plätzen der Gruppe sind mittlerweile knapp 5.000 börsengehandelte Indexfonds gelistet.
Ein eigener Schwerpunkt liegt im Handel mit Staatsanleihen. Über die zu Borsa Italiana gehörende Plattform MTS handeln Banken Staatsanleihen und Wertpapierpensionsgeschäfte, die Erlöse im Anleihehandel und -clearing stiegen 2025 um 22,3 Prozent. Im Rohstoffbereich startete am 2. Februar 2026 technisch ein eigener Markt für Strom-Terminkontrakte unter dem Namen Euronext Nord Pool Power Futures. An der Energiebörse Nord Pool ist Euronext seit 2020 mehrheitlich beteiligt. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Rohstofferlöse um 27,2 Prozent.
Geschichte und Entwicklung
Die Eigentümerstruktur hat mehrfach gewechselt. Im April 2007 fusionierte Euronext mit der New York Stock Exchange zur NYSE Euronext. Ein Zusammenschluss mit der Deutschen Börse scheiterte im Februar 2012 am Veto der EU-Kommission. Stattdessen kaufte die amerikanische Intercontinental Exchange 2013 die NYSE Euronext und brachte den europäischen Teil im Juni 2014 als eigenständiges Unternehmen wieder an die Börse.
Seither ist Euronext vor allem durch Zukäufe gewachsen. Auf die Irish Stock Exchange im März 2018 folgten die Osloer Börse im Juni 2019 und die Mehrheit an Nord Pool im Januar 2020. Den größten Schritt bildete im April 2021 die Übernahme von Borsa Italiana einschließlich MTS und der Clearingstelle CC&G von der London Stock Exchange Group für rund 4,4 Mrd. Euro. Im Mai 2025 kam der norwegische Softwareanbieter Admincontrol für etwa 398 Mio. Euro hinzu.
Ende 2025 schloss Euronext die Übernahme der griechischen Börsengruppe Athex ab. Das freiwillige Umtauschangebot endete am 17. November 2025, die Gruppe sicherte sich damit rund 74,25 Prozent der Stimmrechte und konsolidiert die heutige Euronext Athens seit dem 24. November 2025. Ende 2025 lag der Anteil bei 75,62 Prozent. Bis Ende 2028 sollen jährlich 12 Mio. Euro an Kosten eingespart werden, vor allem durch die Umstellung auf das konzerneigene Handelssystem Optiq.
Strategisch folgenreich war der Aufbau eines eigenen Clearings. Die frühere CC&G firmiert inzwischen als Euronext Clearing und hat das Geschäft übernommen, das zuvor die LCH SA abwickelte, eine Tochter der Londoner Börsengruppe. Der Kassahandel mit Aktien wechselte im November 2023, die Rohstoffderivate folgten im Juli 2024 und die Finanzderivate am 9. September 2024. Als nächsten Schritt hat die Gruppe angekündigt, die Abwicklung von Aktien- und ETP-Geschäften aus Amsterdam, Brüssel und Paris ab dem 21. September 2026 standardmäßig über die eigenen Zentralverwahrer von Euronext Securities laufen zu lassen. Kunden können dafür auch Clearstream oder Euroclear wählen.
Regulierung und Aufsicht
Weil die Gruppe Börsen in mehreren Staaten betreibt, gibt es keine einzelne zuständige Behörde. Jeder Markt untersteht der Aufsicht seines Landes. Die Behörden der Niederlande, Frankreichs, Belgiens, Irlands, Portugals, Italiens und Norwegens stimmen sich auf Grundlage einer gemeinsamen Absichtserklärung in einem Kollegium ab, das die Gruppe koordiniert beaufsichtigt. Für Euronext Clearing gelten zudem die Regeln der europäischen Derivateverordnung EMIR.
Spannungen gibt es seit dem Frühjahr 2026 mit dem italienischen Großaktionär. CDP beansprucht aufgrund der Vereinbarungen von 2020 ein Mitspracherecht bei der Besetzung der Führung von Borsa Italiana und MTS. Euronext legt die Klauseln enger aus. Ein Gericht in Mailand lehnte es Anfang Mai 2026 nach Reuters-Informationen aus informierten Kreisen ab, die Wiederberufung von Borsa-Italiana-Chef Fabrizio Testa per Eilentscheidung zu stoppen. Ein Hauptsacheverfahren vor dem Bezirksgericht Amsterdam war im Juni 2026 anhängig, eine Entscheidung wird nach Medienberichten innerhalb etwa eines Jahres erwartet. Vor einer Untersuchungskommission des italienischen Senats sprach Boujnah im Mai 2026 von einer einzigen Meinungsverschiedenheit über die Auslegung einer Vertragsklausel.
Marktstellung und Besonderheiten
Im Handel mit den an ihren eigenen Märkten notierten Aktien hält Euronext einen hohen Anteil. Im zweiten Quartal 2026 lag er nach Unternehmensangaben im Schnitt bei 66,2 Prozent, im vierten Quartal 2025 bei 64,2 Prozent. Den Rest teilen sich alternative Handelsplattformen wie Cboe Europe und Turquoise. Für Handelshäuser aus dem Umfeld der Gruppe ist Euronext Amsterdam zugleich Heimatbörse, dort ist etwa der ETF-Spezialist Flow Traders notiert.
Zu Deutschland hat Euronext vor allem eine Beziehung als Wettbewerber und gescheiterter Fusionspartner. Mit der Deutschen Börse, die mit Xetra und Eurex eine andere Aufstellung hat, gab es mehrere Anläufe zu einem Zusammenschluss. Im Mai 2026 erklärte Boujnah vor dem italienischen Parlament, ein solcher Schritt sei auf absehbare Zeit unwahrscheinlich, auch wenn er wirtschaftlich Sinn ergeben könne. Er verwies auf drei frühere Versuche und auf die Verwässerung der großen Aktionäre. In Frankfurt unterhält die Gruppe über ihre Sparte für Unternehmensdienstleistungen seit Januar 2023 ein eigenes Studio und vertreibt Software für Hauptversammlungen, Gremienarbeit und Insiderlisten an deutsche Kunden.
Einordnung
Für deutsche Anleger ist Euronext der Handelsplatz für Aktien aus Frankreich, den Niederlanden, Italien, Belgien, Norwegen, Irland, Portugal und Griechenland. Emittenten aus diesen Ländern sind auf die Gruppe für Notierung, Clearing und zunehmend auch für die Verwahrung angewiesen. Für Beobachter der Marktstruktur bleibt Euronext das Beispiel für eine Konsolidierung über Grenzen hinweg, die zugleich nationale Interessen der Aktionäre berührt, wie der Streit mit CDP zeigt.
Häufige Fragen zu Euronext
Wo hat Euronext ihren Sitz?
Der satzungsmäßige Sitz der Euronext N.V. liegt in Amsterdam, die operative Konzernführung arbeitet von Paris aus.
Wem gehört Euronext?
Euronext ist börsennotiert. Nach Unternehmensangaben vom 30. September 2026 halten Referenzaktionäre aus Frankreich, Italien, Belgien und den Niederlanden zusammen 24,02 Prozent, darunter Caisse des Dépôts und CDP Equity mit je 8,23 Prozent.
Welche Börsen gehören zu Euronext?
Die Gruppe betreibt die Börsen in Amsterdam, Athen, Brüssel, Dublin, Lissabon, Mailand, Oslo und Paris. Die Athener Börse kam im November 2025 hinzu, als Euronext rund 74 Prozent der Athex übernahm.
Wer beaufsichtigt Euronext?
Jeder Markt untersteht der Aufsicht seines Landes. Die Behörden der Niederlande, Frankreichs, Belgiens, Irlands, Portugals, Italiens und Norwegens koordinieren sich in einem gemeinsamen Kollegium.
Wie viel verdient Euronext?
Im Geschäftsjahr 2025 lagen die bereinigten Erlöse bei 1,82 Mrd. Euro und der berichtete Überschuss bei 642,9 Mio. Euro. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Erlöse um 16,9 Prozent auf 544,4 Mio. Euro.
Worum geht es im Streit zwischen Euronext und CDP?
Die italienische CDP, mit 8,23 Prozent beteiligt, beansprucht ein Mitspracherecht bei der Besetzung der Führung von Borsa Italiana und MTS. Euronext sieht das anders, ein Verfahren vor einem Amsterdamer Gericht war im Juni 2026 anhängig.
Quellen
- https://mondovisione.com/media-and-resources/news/euronext-publishes-q4-and-full-year-2025-results-2026218/
- https://mondovisione.com/media-and-resources/news/euronext-publishes-q2-2026-results-2026730/
- https://www.euronext.com/nb/investor-relations/capital-and-shareholding
- https://euronext.com/nb/node/1899988
- https://greekreporter.com/2025/11/20/euronext-seizes-control-athens-exchange/
- https://www.fow.com/insights/3702151-analysis-euronext-reflects-on-landmark-clearing-migration-from-lch
- https://www.fsma.be/sites/default/files/media/files/2022-10/mou_2021-12-21_eng.pdf
- https://www.stockopedia.com/share-prices/london-stock-exchange-LON:LSEG/news/italy-court-rejects-cdp-bid-to-block-reappointment-of-milan-bourse-ceo-sources-say-updated-019e6a21-ff51-701c-874c-4ff973d5aa70/
- https://www.marketscreener.com/news/cdp-vs-euronext-governance-clash-over-borsa-italiana-ce7f5ddddd89f225
- https://www.teleborsa.it/AMP/News/2026/05/21/euronext-boujnah-con-cdp-una-sola-divergenza-certo-che-torneremo-a-partnership-produttiva-145.html
- https://www.bursa.ro/euronext-rules-out-merger-with-deutsche-börse-in-near-future-04741950
- https://www.milanofinanza.it/news/borsa-italiana-lo-scontro-per-il-rinnovo-del-board-si-allarga-ora-a-parzani-e-novelli-202604011828527532
- https://www.euronext.com/en/about/media/euronext-press-releases/euronext-corporate-services-opens-its-eighth-studio-germany
- https://www.euronext.com/en/news/confirmation-go-live-euronexts-new-settlement-model-september-2026
- https://en.wikipedia.org/wiki/Euronext
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